Schriftsteller-werden

Die Macht der Gedanken

15. Mai 2012, Kategorie: Motivation & Organisation

Manche Schreibblockaden sitzen tief, trotzdem gibt es Menschen, die sie überwinden. Ein Gastbeitrag von David Trojer zeigt, wie du alleine durch die Macht deiner Gedanken deinen Zustand verändern kannst.


Hey – Erstmal ein Dankeschön an die Herrin des Hauses für ihren Blog und dafür, dass ich diesen Beitrag hier veröffentlichen kann. Jacky, ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass du mir das Schreiben beigebracht hast.

Psychologie. Klickt mich nicht weg, ich weiß, das Wort hat einen unangenehmen Beigeschmack. Klingt nach Tränen, Pillen und Kindheitstraumata. Aber das Arbeitsfeld eines Psychologen geht weit darüber hinaus.

Wenn du das liest, nehme ich an, dass du schreibst. Und da du das tust, kennst du den zermürbenden Kram, mit dem jeder von uns früher oder später konfrontiert wird: Schreibblockade, Faulheit, Unlust; kurz gesagt alles, was uns am Schreiben hindert.

Die gute Nachricht: Es gibt Tricks, mit denen man da Abhilfe schaffen kann Einen davon möchte ich hier vorstellen. Gedanken und Gefühle lösen die Probleme aus, die man als Schriftsteller hat, das ist ein alter Hut. Ich stelle eine andere Art vor, sie zu verstehen und zu verändern.

Innere Bilder

Das Angenehme an der Arbeit mit Motivationsproblemen: Selbst der faulste Mensch der Welt hat Erfolgserlebnisse. Jeder hat schon mal einen Text zu Papier gebracht. Und wenn’s nur ein Schulaufsatz war.

Damit ist eigentlich alles bewiesen. Du kannst es. Wenn du es schaffst, eine kleine Geschichte fertig zu stellen, schaffst du es auch, einen Roman zu Ende zu schreiben – der einzige Unterschied ist die Anzahl der Wörter. (Vorausgesetzt, du hast deine Hausaufgaben gemacht und dich mit Planung, Plot, Strukturierung und deinen Charakteren auseinandergesetzt.)

Soviel zur Theorie. In der Praxis sieht das anders aus. Wir gehen an einen Roman anders heran als an einen Schulaufsatz. Wir haben eine andere Einstellung. Und die sieht meistens so aus: Oh Gott, oh Gott, ein Roman, das ist die Königsdisziplin, der muss gut werden, aber das ist so schwierig … Blendet man das aus, fallen all die Ängste (und es sind fast immer Ängste, die uns am Schreiben hindern) weg.

Im Prinzip ist es ganz leicht: Sag dir, dass dein Roman im Grunde nur eine lange Geschichte ist. So eine, wie du sie schon oft geschrieben hast.

Das hast du sicher schon probiert. Und meistens klappt es nicht. Das erklärt vielleicht, warum ein Großteil der Bevölkerung für „positives Denken“ nur ein müdes Lächeln übrig hat.

Der Grund dafür, dass das nicht funktioniert, ist der Folgende: Gedanken bestehen nicht nur aus Worten, sondern auch aus Bildern.

Romeo denkt nicht nur daran, wie sehr er Julia liebt, sondern stellt sich gleichzeitig auch vor, wie sie am Balkon steht und ihn anlächelt. Was er auch sieht, die Botschaft ist immer: Julia ist toll und wundervoll und überhaupt die Beste und Schönste auf dieser Welt.

Klingt simpel. Ist es auch. Nur neigen Menschen dazu, diese Tatsache nicht zu beachten. Sie beten ihr Mantra vor sich hin (Es ist nicht schwer, es ist nicht schwer, es ist nicht schwer.) und stellen sich dabei vor, wie sie vor dem Computer sitzen, während ihnen der Schweiß von der Stirn rinnt und die Finger quälend langsam über die Tasten gleiten. Und dann fällt ihnen plötzlich ein Grund ein, um sich vor der Arbeit zu drücken.

Das ist so, als würde Romeo denken: „Julia, ich liebe dich, du bist wunderschön.“ und das Bild nicht aus dem Kopf bekommen, wie sie vor einem Jahr aussah, als sie noch überall Pickel hatte und sich dann wundern, warum er keine Lust mehr hat, Gift für sie zu nehmen.

Gott spielen

Die logische Schlussfolgerung ist – du hast es sicher schon erraten – diesen Bilderfluss, der einen ständig begleitet, zu verändern. Und das geht. Es klingt schwierig, weil wir uns dieser Bilder nicht immer bewusst sind, aber es ist möglich.

Fangen wir mit einer Erinnerung an. Wann warst du das letzte Mal im Schwimmbad? (Wenn dir das nicht passt, verwende etwas anderes. Was du siehst, ist egal. Hauptsache, die Erinnerung ist deutlich.) Ruf dir das Bild so klar wie möglich vor Augen. Spür` den frischen Wind und die Wassertropfen auf deiner Haut, denk an grünes Grass und die Sommersonne.

Hast du’s? Wenn nicht, ist das kein Problem. Für manche Menschen ist’s nicht leicht. Das kann man trainieren. Deine Vorstellungskraft ist wie ein Muskel. Bleib am Ball.

Im Schwimmbad: Wenn du alles scharf vor dir hast, versuch dir vorzustellen, etwas wäre anders gewesen. Hast du das letzte Mal eine alte Freundin (nennen wir sie Zoe) begleitet? Gut. Radiere sie aus und stell dir vor, du wärst mit deinem Bruder dagewesen. Siehst du ihn schon auf dem Sprungturm?

Das geht erstaunlich leicht, nicht? Natürlich weißt du, dass du mit Zoe da warst, aber du kannst so tun, als wärst du mit deinem Bruder dagewesen – du kannst die Bilder verändern.

Lass deine Erinnerung jetzt schwarzweiß werden: Das Gras, den Himmel, dich selbst, das nervige Kind, das dich mit seiner Wasserpistole bespritzt. Du kannst das. In deiner Fantasie bist du Gott.

Mach das Bild heller oder dunkler. Du wirst feststellen, dass du das Bild auch größer oder kleiner machen kannst, ihm einen Rahmen geben kannst, es von dir wegschieben kannst, etc., etc.

Submodalitäten

Okay.  Jeder Gedanke wird von einem Bild begleitet, und diese Bilder haben einerseits einen Inhalt (Das Schwimmbad, Zoe, das Wasser, die Sonne), andererseits auch gewisse Eigenschaften, die angeben, wie du dieses Bild siehst. (Helligkeit, Größe, Schärfe, oft auch Gefühle wie Wärme …)
Diese Eigenschaften nennt man Submodalitäten.

Durch sie sortiert dein Gehirn deine Erinnerungen und Gedanken. An ihnen erkennt es, ob etwas für dich wichtig ist, ob du daran glaubst und was dir etwas bedeutet: Für viele Menschen sind beispielsweise schöne Erinnerungen sehr groß und hell, traurige dunkel und weit entfernt. Je nach dem, wie wir uns ein Bild vorstellen, hat es eine andere Bedeutung für uns.

Hier eine Liste der visuellen Submodalitäten. Fühlt dich frei, damit zu experimentieren.

  • Helligkeit
  • Farbigkeit – Sind die Farben intensiv? Überwiegt eine Farbe? Ist das Bild ganz in Schwarzweiß?
  • Kontrast
  • Schärfe
  • Fokus – Sind Einzelheiten hervorgehoben?
  • Proportionen – Sind Dinge/Körperteile/Personen größer oder kleiner als sie sein sollten?
  • Größe
  • Entfernung
  • Form – Ist das Bild rund? Eckig? Quadratisch?
  • Begrenzung – Hat das Bild einen Rahmen, sind die Ränder verschwommen oder glatt?
  • Ausrichtung – Ist das Bild geneigt oder gekippt?
  • Dimension – Ist das Bild flach oder dreidimensional?
  • Position – Wo in deinem Gesichtsfeld siehst du das Bild? ( Rechts oben, links unten, in der Mitte – oder sogar hinter dir? )
  • Bewegung – Ist es ein Standbild? Bewegt es sich? Ist es ein Film?
  • Anzahl – Ist es ein Bild oder sind es mehrere?
  • Identifikation – Siehst du das Bild so, wie du’s damals gesehen hast (also mit deinen eigenen Augen), oder ziehst du alles z.B. aus Vogelperspektive? Kannst du dich selber sehen?

Mehr Submodalitäten.

Übungsanweisungen

Es geht also darum, genau zu wissen, was in dir vorgeht, was du denkst, fühlst und siehst. Dabei hatte ich am Anfang große Probleme: Ich hab’s  nicht geschafft, bei der Sache zu bleiben. Dafür braucht man viel Konzentration, wenn man keine Hilfsmittel verwendet. Mehrere Kniffe können Abhilfe schaffen.

Am leichtesten ist es, sich von einem Partner Fragen stellen zu lassen. (Wovor hast du eigentlich Angst? Was siehst du, wenn du daran denkst? Ist das Bild hell?) und sie ihm zu beantworten. Das ist effektiv und kann Spaß machen. Aber es ist schwierig, Leute dafür zu finden. – Paul hält das ganze für Unsinn, deine Schwester ist im Ausland und Tante Ute tut nichts lieber, als andere zu blamieren.
Falls dir niemand einfällt, schreib auf oder zeichne, was in dir vorgeht. Beschreibe das Bild und notiere stichpunktartig die Submodalitäten. (Groß, hell, viele Grüntöne, Standbild …)

Übrigens werd’ ich versuchen, überall Beispiele anzuführen. Lass dich von denen nicht ablenken – wichtig ist, dass du deine eigenen Bilder findest.

Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, wird diese Erinnerung neu gespeichert. (Deshalb beginnen gute Lügner oft, an ihre eigenen Lügen zu glauben.) Für uns bedeutet das, dass die Bilder, die wir verändern, auch verändert sein werden, wenn sie das nächste Mal auftauchen. So kannst du dauerhaft bestimmen, welche Bedeutung ein Gedanke, eine Erinnerung oder eine Vorstellung für dich hat. Deshalb reicht es meistens, eine Übung einmal durchzuführen. Wenn du merkst, dass die Wirkung nachlässt, wiederhole sie einfach.

Motivation – ein Selbstversuch

Wir erledigen die meisten Dinge, die wir uns vorgenommen haben, nicht. Du kennst das: Du würdest gerne dein Buch zu Ende bringen, aber tausend Ablenkungen sind verlockender als dein Computer: Der Fernseher, das Bier im Kühlschrank und / oder die Yogamatte … Am Ende hast du den freien Abend vertrödelt. Mal wieder.

Du willst heute noch zehn Seiten schreiben, aber das Bild, das dabei entsteht, wird in deinem Kopf in der Kategorie ‘unwichtiger Gedanke’ abgespeichert – gleich neben „Schwiegertante Ute zum Geburtstag gratulieren“, „den Müll raus bringen“ und „mein Testament schreiben“. Um damit klar zu kommen, ändern wir den Gedanken: „Heute noch zehn Seiten schreiben“, so, das er das Wichtigste ist, was durch deinen Kopf geistert.

1. Finde heraus, was dich motiviert

Denk an etwas, das du unbedingt haben willst.

Machst du Überstunden, um einen Urlaub bezahlen zu können? Denk an den Urlaub. Wenn du studierst und jeden Tag lernst, um eine gute Note zu bekommen, denk an die Eins, die bald unter deinem Test stehen wird. Du hast etwas? Klasse.

Achte darauf, welche Bilder vor deinem Inneren Auge vorbeiziehen. Siehst du den Strand und die Palmen? Perfekt. Sollte gar nichts kommen benütz’ deine Phantasie. Erfinde ein Bild, dass dein Ziel darstellt.
Wenn du es vor dir siehst, untersuche es auf die Submodalitäten: Ist es hell? Ist es dunkel? Hörst du das Meer rauschen? Die Liste kann dir da helfen.

2. Finde heraus, was dich in Zukunft motivieren soll

Denk daran, wie’s sein wird, wenn dein Buch fertig ist. Stell dir vor, wie dein Buch im Regal steht, wie du die positive Rückmeldung vom Verlag bekommst – irgendetwas. Was du siehst ist egal, nimm am Besten, das erste, das dir einfällt.

Untersuche das Bild auf die Submodalitäten.

3. Veränderung

Okay. Du hast jetzt die beiden Bilder, und du kennst ihre Submodalitäten. Die werden sich unterscheiden: Vielleicht ist eins farbig, das andere schwarzweiß, eins dunkel und eins hell. Die Unterschiede können natürlich auch kleiner sein, aber du wirst sie bemerken.

Das ist nur logisch. Das erste Bild (das vom Urlaub, für den du Überstunden machst) motiviert dich. Das Zweite (das von deinem Buch) tut das nicht. Dein Unbewusstes hält es also für ‘unerreichbar’ vielleicht auch für ‘unwichtig’ oder ‘nicht lohnend’.

Das führt uns zum letzten Schritt:

Nimm das zweite Bild (das von deinem Buch) und gib ihm in deiner Phantasie die Eigenschaften, die das erste, (das vom Strand) hat. So wird die Art, wie deine Psyche mit dem Bild umgeht verändert – und das war’s auch schon. Viel Spaß beim Schreiben.

Schreibblockaden lösen – ein Selbstversuch

Aber was, wenn das nicht unser Problem ist? Viele Leute wollen schreiben und wissen auch, was sie schreiben wollen, können aber nicht.

Das erste, was du tun musst, wenn du deine Schreibblockade loswerden willst, ist: Dir klar werden, warum du nichts zu Papier bringst. Das ist ein Schritt, den du alleine tun musst. Meistens ist Angst der Grund. Angst, die Idee zu ruinieren. Angst, nicht bereit zu sein. Angst, nicht gut genug zu sein. Vor all diesen Dingen haben wir Angst, weil ein Teil von uns davon überzeugt ist.

Daran müssen wir arbeiten: An dieser Überzeugung. (Ich bin nicht gut genug) Die setzt dich unter Druck und blockiert dich. Also musst du diese Gedanken abschwächen und eine neue Überzeugung annehmen: Wenn du glaubst, dass du dich nur anstrengen musst, um dein Ziel zu erreichen – wenn du das wirklich glaubst -, gibt’s keine Schreibblockade mehr.

1. Das Übel finden

Was hindert dich am Schreiben? Wovor hast du Angst? Was hindert dich daran, dich zu konzentrieren? Achte auf deine Gedanken, während du versuchst, zu schreiben und sei ehrlich zu dir selbst, um das herauszufinden.
Wenn du weißt, wo das Problem liegt, stell dir eine Szene vor, in der deine Überzeugung stimmt. Angenommen, du befürchtest, dass du nie den Durchbruch schaffst und vergeblich arbeitest: Mal dir beispielsweise aus, wie du als 92-Jährige/r schon wieder von einem Verlag abgelehnt wirst.

Untersuche das Bild auf seine Submodalitäten.

2. Zweifel finden

Denk an etwas, an das du nicht glaubst, womit du nicht rechnest, woran du zweifelst. Bist du dir nicht sicher, ob es Aliens gibt (möglich wär’s ja, aber doch eher unwahrscheinlich)? Stell dir grüne Männchen vor und untersuche das Bild auf seine Submodalitäten.

3. Eine neue Überzeugung finden

Such einen Satz, an den du lieber glauben würdest. Der Klassiker wäre: „Ich bleibe am Ball und werde veröffentlicht.“

Dieser Satz sollte möglichst konkret sein, das Wort „Ich“ sollte am Satzanfang stehen und der Satz sollte positiv formuliert sein.

Such ein Bild, das deine neue Überzeugung für dich repräsentiert: Zum Beispiel wie du die positive Rückmeldung vom Verlag bekommst. Untersuche das Bild auf die Submodalitäten.

4. Veränderung

Ändere die Submodalitäten der alten, unpraktischen Überzeugung (‘Ich werde es nie schaffen’ – du als alter Mann/alte Frau, der noch immer nichts veröffentlicht hat) so, dass sie denen des Zweifels (‘Ich weiß nicht, ob es Aliens gibt’) entsprechen.

Ändere die Submodalitäten der neuen Überzeugung (‘Ich werde es schaffen’) so, dass sie denen der alten, negativen (‘Ich habe keine Chance’) entsprechen.
Jetzt erscheint dir dein Erfolg glaubwürdiger, während die Angst, die dich vorher am Schreiben gehindert hat in den Hintergrund tritt.

Etwas Literatur

Du weißt vermutlich schon, ob das, was ich dir hier gezeigt habe, dich genug interessiert, um dich weiter damit zu beschäftigen. Falls ja: Das war erst die Spitze des Eisbergs. Das sogenannte ‘Neurolinguistische Programmieren’ (‘NLP’ ist geläufiger und zumindest im Ansatz erträglich) ist so vielseitig wie die, die damit arbeiten. Was ich noch loswerden will: Diese Disziplin ist durchaus umstritten. Ihr wird oft Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen – damit wird aber auch die Psychologie als Ganzes immer wieder konfrontiert.

Für Einsteiger optimal, wenn auch etwas oberflächlich sind dasÜbungsbuch NLP für Dummies (Praxisnah.) beziehungsweise Neurolinguistisches Programmieren für Dummies (Eher theorielastig.). Der Zauberlehrling“ / „Der große Zauberlehrling“ von Alexa Mohl ist umfangreicher, aber trockener und trotz des peinlichen Titels seriös, Sachbücher und ganz- und gar nicht esoterisch.

Das war’s von meiner Seite – ich wünsche dir viel Glück bei allem, was du noch anpackst

Diskussion

Hast du vorher schon einmal von NLP gehört? Was hältst davon? Haben die Übungen bei dir funktioniert? Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht? Ist es dir eher leicht oder schwer gefallen?

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Charaktere – Schau mir in die Augen Kleines

24. April 2012, Kategorie: Charakterentwicklung

DarkDiamond hatte vor einer Weile eine Frage zum Charakterbogen:
Also ich liebe diesen Charakterbogen *.* Find ihn toll und benutze ihn immer, seit ich ihn gefunden habe – also danke dafür ;)
Aber ich habe eine Frage. Bei der Erläuterung zum Chara-Bogen schreibst du, Jacky:
“Augenfarbe: Die Farbe halt … du darfst auch gerne die Musterung aufschreiben, aber nur, wenn du die NIEMALS gegenüber deinem Leser erwähnst.”
Wieso nicht? Ist es nicht besser, wenn man die Musterung mit beschreibt oder was ist daran so schlimm? ^^

Die Frage wurde nicht zum ersten Mal gestellt und in der Schreibwerkstatt habe ich auch schon einmal in kurz geantwortet. Aber als ich dann letztens über die Frage stolperte, konnte ich mich einfach nicht zurückhalten und musste das noch einmal etwas detaillierter erklären. Dann hab ich den Entwurf wieder vergessen, jetzt hab ich ihn wiedergefunden und überarbeitet, in jedem Fall: viel Spaß beim Lesen :D

Wer ist bitte wer?

Der Punkt ist der:

Es hat sich eingebürgert (zumindest in [meiner Meinung nach] relativ flacher “Literatur”) Charaktere durch die Kombination “Haarfarbe + Augenfarbe” vorzustellen. Das hatte schon häufig zur Folge, dass ich entweder überhaupt keine Vorstellung von den Charakteren bekommen habe, oder aber mir nicht merken konnte, welche Kombination zu wem gehört (was eigentlich nicht schlimm ist [wenn das das Einzige ist, was die Charaktere unterscheidet, hat jemand den Charakterbogen nicht benutzt :P ] aber dennoch nervig).

Ein erfundenes Beispiel:

Bitte nur einmal lesen, so, wie du auch ein normales Buch lesen würdest.

Am Tisch saßen fünf Personen. Anja hatte blaue Augen und braunes Haar, sie saß gleich gegenüber von Tina, die mit ihren grünen Augen und schwarzen Haaren immer ein Hingucker war, Bonnie saß gleich links neben Anja sie hatte braune Augen und braune Haare und viel selten auf. Sonja saß rechts neben Anja und hatte graue Augen und blonde Haare. Petra saß zwischen Tina und Bonnie, sie strich sich gerade ihre schwarzen Haare aus den blauen Augen.

Abgesehen davon, dass ich so ungefähr jede Schreibregel verletzt habe, die es gibt:

Wer von den Damen hatte jetzt blaue Augen? Und wer war blond?

Häh? Keine Ahnung?

Ich auch nicht. (Eine ähnliche Vorstellung habe ich tatsächlich einmal in einem Buch gelesen, nicht ganz so krass aber in der Essenz doch dasselbe.)

Zeig mir, wer du bist, nicht wie du aussiehst

Für mich heißen solche Beschreibungen, dass sich der Autor keine Gedanken darüber gemacht hat, was seine Charaktere wirklich ausmacht und was sie unterscheidet. Denn hätte er das, würden ihm wesentlich wichtigere Dinge einfallen, die es vorzustellen gibt.

Viel einfacher werden solche Vorstellungen nämlich, wenn man sich bei jedem auf ein besonderes Merkmal konzentriert und denjenigen auch mit diesem Merkmal wieder auftauchen lässt (zumindest solange bis man Zeit hat, ihn in kleinerer Runde [am besten alleine] vernünftig vorzustellen).

Das Beispiel von oben mal ein bisschen verständlicher umgeschrieben:

Anja lugte über ihre Spielkarten hinweg und versuchte ihre Augen hinter ihrem Pony zu verstecken. Die kurzsichtige Tina hatte nämlich ausnahmsweiße ihre Brille auf und saß Anja gleich gegenüber. Tina konnte schon immer in Anjas Augen lesen. Zum Glück verbot ihr die Eitelkeit, ständig ihre Brille zu tragen. Aber bei den Pokerrunden saß das ungetümliche Gestell natürlich stets auf Tinas spitzen Nase.
Links neben Anja saß Bonnie und schmatzte unablässig auf ihrem Kaugummi herum. Anja hätte sie gerne zum Schweigen gebracht, um sich besser konzentrieren zu können, aber so still und unscheinbar Bonnie auch war, sie konnte ganz schön biestig werden, wenn es um ihren Kaugummi ging. Also schluckte Anja ihren Unmut herunter und wagte einen Blick durch ihre braunen Ponyfransen hindurch nach rechts, Sonja sah mit ihren blonden Haaren und grauen Augen immer ein bisschen kränklich aus, aber davon durfte man sich nicht täuschen lassen, unter dem Baseballcap steckte eine echte Sportskanone. Zwischen der Brillentina und Kaugummibonnie saß Petra und nagte gerade an ihrem Lippenpiercing, das war ein gutes Zeichen, es hieß gewöhnlich, dass sie sich ganz und gar nicht wohl fühlte.

Du kannst mir jetzt zwar auch nicht sagen, wer welche Haar- und Augenfarbe hatte (bei vielen hab ich es gar nicht erwähnt), vielleicht weißt du immer noch nicht, wer wo sitzt. Aber wenn die Geschichte jetzt weitergeht, dann hast du zumindest eine ganz gute Idee wen ich meine, wenn ich von Kaugummibonnie oder Piercingpetra sprechen würde.

Zugegeben ist auch das keine ideale Vorstellung (zu viele Leute, zu geringe unterschiede, kaum Identifikation), aber es ist um Kilometer besser als das, was ich dir zuerst vorgesetzt habe. Und vor allen Dingen hast du nicht nur eine vage Vorstellung von den Äußerlichkeiten der Personen, sondern auch von ihren Charaktereigenschaften.

Die Spitznamen (Kaugummibonnie etc.) die ich vergeben habe sind übrigens meiner Meinung nach unterste Schublade. Du darfst sie also sehr gerne weglassen/vermeiden. Das eigentlich Wichtige ist, dass jede Figur mit einem besonderen Merkmal verknüpft wurde, mit etwas, das heraussticht. Diese Dinge fungieren dann als eine Art Ankerpunkt. Das heißt, wenn ab jetzt der Kaugummi erwähnt wird, weiß der Leser (im besten Fall) wieder, wer gemeint ist. Bekommt Kaugummibonnie (ohne so genannt worden zu sein) dann eine weitere Eigenschaft, kann der Leser sie auf die “Kaugummiliste” setzen, die im Verlauf der Geschichte immer weiter ausgebaut wird, bis sich der Leser dann irgendwann auch den Namen merken kann und der Name den Kaugummi als Ankerpunkt ersetzt.

Haar-/Augenfarbe bilden keinen guten Ankerpunkt, weil jede mögliche Kombination so alltäglich ist, dass unser Gehirn sie gleich wieder vergisst. Warum? Das Gehirn filtert unsere Umgebung (ohne das würden wir verrückt werden) und lässt uns nur (oder in erster Linie) Auffälligkeiten und Unterschiede erkennen. Ein grüner Ball inmitten von grünen Bällen geht unter, aber ein grüner Ball in einem Meer aus roten Bällen springt sofort ins Auge.

Daher also meine Aversion gegen Haarfarbe-Augenfarbe-Vorstellungen.

Augen – Extrem

Du bist immer noch nicht überzeugt? Eine Steigerung des ersten Beispiels wäre es, wenn nicht nur die Augenfarbe, sondern auch die Musterung beschrieben würde:

Am Tisch saßen fünf Personen. Anja hatte braunes Haar und ihre Augen wahren fast schon türkis, mit einem blaugrauen Ring ganz am Rand und einem schwarzblauen Stern in der Mitte, sie saß gleich gegenüber von Tina, deren schwarzes Haar im Kontrast stand zu ihren schimmernden grünen Augen mit den bernsteinfarbenen Sprenkeln, sodass sie immer ein Hingucker war, Bonnie saß gleich links neben Anja sie hatte braune Haare und ihre Augen waren so braun wie der Waldboden, mit einem honigfarbenen Rand und einem fast schwarzen Ring in der Mitte, sie viel selten auf. Sonja saß rechts neben Anja und hatte blondes Haar, ihre grauen Augen waren gemustert wie ein stürmischer Himmel über dem Ozean. Petra saß zwischen Tina und Bonnie, sie strich sich gerade ihre schwarzen Haare aus den Augen, die so blau waren wie ein wolkenloser Sommerhimmel, mit kleinen weißen Sprenkeln und einem schmalen grünen Rand.

Wer hatte blaue Augen? Wer war blond?

Genau, keine Ahnung (es sei denn, dir hat Kaugummibonnie beim Merken geholfen :P ).

Dieser Textabschnitt enthält kein einziges Iota mehr Information als das allererste Beispiel und ist sogar noch verwirrender.

Was hat dir die Beschreibung der Musterung gebracht? Bzw. dir hat es wahrscheinlich Spaß gemacht und du warst Stolz ein Detail anbringen zu können. Aber was hat es dem Leser gebracht?

Genau: gar nichts.

Auge um Auge

Wenn du dir deinen Charakter anschaust, sind die Haarfarbe und die Augenfarbe dann wirklich wichtig?

Nein.

Ich weiß, ich weiß, du wehrst dich jetzt wahrscheinlich “natürlich ist die Augenfarbe wichtig, denn …” aber es ist ganz gleich was du jetzt für Gründe anführst, denn wenn du wirklich ganz ehrlich bist, dann musst du mir zustimmen.

Natürlich ist das Aussehen einer Figur wichtig. Aber es ist in der Hauptsache wichtig ob sie hübsch ist bzw. wie sie auf andere wirkt. Ob sie dabei grüne oder blaue Augen hat, mit Tupfen oder mit Sternchen, das spielt nur dann eine Rolle, wenn es einen Einfluss auf die Geschichte hat.

Wenn die Augenfarbe “normal” ist, also in der Welt deiner Figur nicht nur ein einziges Mal vorkommt, dann ist sie genauso egal wie die Farbe ihrer Unterhose. Hast du deinem Leser jemals die Farbe der Unterhose deines Charakters verraten? (hoffentlich nicht ^^)

Ja, ja, ich weiß, die Unterhose sieht man nicht direkt, die Augen schon, aber mal ganz ehrlich, welche Augenfarbe hat Angela Merkel (respektive unser aktueller Bundeskanzler)? Und nein, nicht schummeln und gucken gehen. Wenn du die Antwort weißt, dann hab ich (vielleicht) nichts gesagt, aber wenn du sie nicht weißt, dann solltest du zumindest zugeben können, dass die Augenfarbe nicht so wichtig sein kann, wie du immer gedacht hast :P

Schau mir in die Augen Kleines

Und jetzt zur Ausnahme:

Wenn die Anordnung der Tupfen in den purpur farbenen Augen deiner Charaktere den Grad ihrer Magiebegabung preisgeben (oder ähnlich wichtig sind) dann – und nur dann – darfst du sie bei einer ersten Begegnung beschreiben.

Wenn sich zwei Charaktere – aus welchen Gründen auch immer – körperlich sehr nah sind und mehr als 10 Sekunden in die Augen starren, auch dann darfst du ein oder zwei Wörter über die Augenfarbe und meinetwegen auch über die Musterung verlieren.

Aber in jedem anderen Fall gehört die Augenfarbe bzw. Musterung nicht in die Geschichte, bzw. zu aller mindest nicht als Hauptpunkt in die Vorstellung.

Wenn du eine Situation findest, die sich nicht in eine der beiden oben genannten Situationen eingliedern lässt und ich trotzdem zugeben muss, dass du recht hast und eine Augenbeschreibung unumgänglich ist, gibt’s 99 Gummipunkte*. Bei exakt 100 Gummipunkten gibt’s eine Baggerfahrt durch die Eifel.

* Gummipunkten wohnt die unumstößliche Eigenschaft inne, dass es per Definition unmöglich ist, genau 100 Punkte zu bekommen.

Diskussion

Wie wichtig ist die Augenfarbe/Haarfarbe? Wann erwähnst du Augenfarbe/Haarfarbe deiner Charaktere? Bei welchen Charakteren machst du das überhaupt? Wie sehr gehst du ins Detail?

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DKZV

11. April 2012, Kategorie: Veröffentlichung

Ein Artikel zu diesem Thema steht schon lange an. Ich habe mich bisher darum gedrückt, weil ich zwar eine eindeutige Meinung dazu habe, aber bis jetzt keinerlei handfeste Beweise. Unbegründete Behauptungen in den Raum zu werfen, hilft schließlich niemandem etwas. Das hat sich dank Stadthexe (Quelle), Vega (Quelle), Nigromantia (Quelle), Henningway (Quelle) und SabrinaQ (Quelle) geändert .

Was ist DKZV?

DKZV ist die Abkürzung für

DruckKostenZuschussVerlag

Wie der Name sagt, will der “Verlag” einen Zuschuss zu den Druckkosten, um dein Buch zu veröffentlichen. Wobei das “V” also der “Verlag” im Wort nur irreführend ist und dem Sinn nach falsch verwendet wird. Denn es ist ja gerade der Verlag, der sich normalerweise um alles (außer dem Schreiben der Geschichte) kümmert. Der Autor tut, was Autoren tun: er schreibt (und korrigiert) – nicht mehr und nicht weniger. Der echte Verlag lektoriert, druckt, macht Werbung und noch einiges mehr.

DKZV drucken alles, wenn der Preis stimmt

Wer wissen möchte, wie DKZV auf Schmonsenstexte reagieren, kann sich ihre Lobeshymnen und “günstigen Angebote” (2.000-30.000€) in diesem Spiegelartikel durchlesen. Für diesen Artikel haben sich nämlich ein paar veröffentlichte Autoren hingesetzt und absichtlich “Mist” verzapft, aufgefüllt mit den Kopien einiger gemeinfreier Texte und versucht das Ganze an den Mann bzw. DKZV zu bringen.

Das Resultat in kurz: Die DKZV waren begeistert.

Das ist der Beweis für die allgegenwärtige Behauptung, dass DKZV auf die “dunkle Seite der Macht” gehören.

Verlag VS DKZV

Ein Verlag ist eine Firma, die dem Autor Geld dafür bezahlt, dass er eine Geschichte zur Verfügung stellt und der Verlag tut sein Möglichstes, damit das fertige Buch von vielen Menschen gelesen wird.

Ein DKZV ist eine Firma, die vom Autor Geld dafür bezahlt bekommt, dass sie ihn mit Lob überschüttet und der sein Möglichstes tut, damit er nie wieder etwas von dem Autor lesen muss.

Ein echter Verlag ist schwer zu finden. Eine Veröffentlichungsplattform und Feedback dagegen bekommt man an anderer Stelle durchaus kostenfrei und dann sogar mit ernst gemeinten Kommentaren. Die sind zwar nicht in jedem Fall positiv, dafür aber konstruktiv und ausführlich.

Um meine Meinung auf den Punkt zu bringen: Ein Verlag, der in irgendeiner Form Geld dafür verlangt, eine Geschichte veröffentlichen zu dürfen, ist kein Verlag. Punkt.

Ist DKZV denn legal?

Hier möchte ich ein Zitat anbringen, dem ich übrigens aus vollem Herzen zustimme:
Legal ist es dadurch, weil die Leute leichtfertig und blauäugig zustimmen, ohne ihre Denkmaschine einzuschalten, die die Natur ihnen mitgegeben hat.
Legal ist es deswegen, weil diese “Pseudo-Autoren”, die in “Pseudo-Verlagen” veröffentlichen, freiwillig ihr Geld für eine “Pseudo-Veröffentlichung” ausgeben, die fernab des normalen, realen Buchmarktes in einer Zwischenwelt, einem “Pseudo-Buchmarkt” ohne echte Kunden vor sich hin vegetiert.
Legal ist es, weil die Vertragsunterzeichner Kunden (und nicht etwa Autoren, auch wenn sie sich das einbilden) – und die Firma ihren Kunden genau das gibt, was vertraglich zugesichert ist – und kein Fitzelchen mehr.
(Quelle: treogen der mit Verlag Torsten Low übrigens einen echten Verlag betreibt)

Wie erkenne ich einen DKVZ?

Es ist nicht immer einfach, herauszufinden, ob ein Verlag ein DKZV ist oder nicht (manche sind sehr gut darin, das zu verstecken). Eine kleine Hilfe bietet da Literatur-Verlage.de wo ausschließlich echte Verlage überhaupt aufgenommen werden (sollte dir jemals ein Verlag aus dieser Liste suspekt vorkommen, schick bitte unbedingt eine Mail an mich).

Wenn du auf das Kleingedruckte achtest, wirst du aber auch selbst die dicken Dollarzeichen (respektive Euro) schon irgendwo finden. Insbesondere, wenn ein Verlag “Autoren gesucht” auf seine Fahnen schreibt, sollte jeder Schriftsteller hellhörig werden. Denn richtige Verlage suchen keine Autoren, die Autoren kommen freiwillig zu ihnen und meistens in so großer Zahl, dass sich der Verlag vor Einsendungen kaum noch retten kann.

Wie genau du DKZV enttarnen kannst findest du auch hier: Verlage bezahlen Autoren, nicht umgekehrt!

Anmerkung: Zu allem Überfluss haben DKZV auch noch so einen schlechten Ruf, dass du dir mit einer Veröffentlichung bei ihnen eigentlich nur selbst ins Knie schießt.

Anmerkung BoD: BoD (BookOnDemand) sind von dieser Betrachtung im Übrigen ausgeschlossen. Die tun nämlich nicht so, als wären sie ein Verlag, sondern sagen ganz offenkundig: “Wir drucken, du machst den Rest.”

Diskussion

Was hältst du von DKZV? Hast du schon Erfahrungen mit mit einem DKZV gemacht? Was würdest du jemandem raten, der in Erwägung zieht, bei einem DKZV zu veröffentlichen? (Lies bitte vorher diesen Artikel)

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