10 Tipps für Rückblenden die mitreißen
5. November 2007; Kategorie Schreiben LernenDu liest eine Geschichte, gerade wird es spannend, da kriegt der Autor plötzlich einen emotionalen Stich und fängt an von der Kindheit seines Protagonisten zu erzählen. Dabei willst du doch eigentlich wissen wie es weiter geht!
Hintergründe müssen sein, das Problem ist nur sie so einzubinden, dass der Leser sie auch annimmt, und sie nicht überblättert, um endlich zu wissen wie es weiter geht, oder noch schlimmer, einfach das Buch zur Seite legt.
Eine Rückblende ist eine Szene, die vor der eigentlichen Geschichte statt findet, die du gerade erzählst.
1. Warum du Rückblenden wenn möglich vermeiden solltest
Um bessere Rückblenden schreiben zu können musst du dir erst ihrer Schwächen bewusst werden.
Zum Einen befindet sich der Leser gerade mitten in der Geschichte und will unbedingt wissen was als nächstes geschieht. Die Rückblende reißt ihn aus der momentanen Handlung heraus und bringt ihn in die Vergangenheit, zu Dingen die schon längst geschehen sind, und ihm deshalb nicht gerade unter den Nägeln brennen. Außerdem wird es für ihn schwierig wieder in die “Gegenwart” einzusteigen.
Zum Anderen ist der Zeitfluss im realen Leben linear. Das heißt wir sind es gewohnt, dass die Zeit vergeht und wir nicht plötzlich wieder in die Vergangenheit springen können. Deshalb sind Rückblenden an sich für uns unnatürlich.
Wenn es irgendwie möglich ist, dann verwende sie also erst gar nicht. Lass alles was passiert jetzt geschehen. Aber wenn es denn sein muss, dann werden dir die folgenden Tipps gute Dienste leisten.
2. So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig
Nichts ist schlimmer als Seitenlange Hintergrundberichte. Du als Autor musst sie natürlich alle kennen. Du musst sogar wissen welche Farbe die Unterhosen deines Protagonisten haben. Aber Deinen Leser interessiert nur das, was wirklich für das Verständnis der Geschichte wichtig ist.
Es gibt doch etwas, das schlimmer ist als zu viel Hintergrundgeschichte, und das ist zu wenig davon. Wer kennt das nicht: Der Detektiv setzt sich mit allen Verdächtigen in einem Raum zusammen für die finale Auflösung. Am Ende war es dann der Gärtner, der vor 20 Jahren ein Verhältnis mit der Verstorbenen gehabt hat, und immer noch eifersüchtig ist. Dumm nur, dass der Leser von dieser Affaire nie etwas erfahren hat.
Du siehst worauf ich hinaus will: Gib deinem Leser alles was notwendig ist um die aktuelle Geschichte zu verstehen. Aber nerve ihn nicht mit Details die er nicht braucht, auch wenn sie mit noch so viel Liebe ausgedacht sind.
Wenn die Rückblende die aktuelle Geschichte nicht wirklich bereichert, dann ist es wahrscheinlich, dass du ihn einfach nicht brauchst.
3. Tu es plötzlich
Am besten wirfst du den Leser einfach in die Rückblende hinein. Je länger deine Einleitung wird, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass er merkt was Sache ist, und einfach ein paar Seiten überspringt.
Hier kannst du dir also ein Beispiel an den SEK’s der Polizei nehmen: Schnell rein und genau so schnell wieder raus. So dass dein Leser gar keine Zeit hat zu reagieren.
4. Der erste Satz
Der erste Satz einer Rückblende muss dieselben Regeln befolgen, wie der erste Satz deines ganzen Buchs. Er muss fesselnd sein, er muss Neugier wecken, er muss Fragen aufwerfen und etwas über deinen Charakter erzählen. Kurz er muss ein Kracher sein.
Ein guter Grund so wenig Rückblenden wie möglich zu verwenden, oder…?
5. Sei aktiv
Er hatte die Schule besucht, wie gewöhnlich. Er hatte in der Stunde nicht aufgepasst, wie gewöhnlich. Dann war er ihr begegnet und verliebte sich im selben Moment unsterblich, dabei hatte er sich völlig lächerlich gemacht, sie würde sicher nie wieder ein Wort mit ihm sprechen, …
Wie langweilig.
Wann immer es möglich ist, dann sollte die Rückblende eine aktive Szene sein. Das heißt versetze den Leser in die entsprechende Zeit, mit einem Protagnisten, einem Antagonisten, einem Konflikt und erzähle, als würde es gerade jetzt passieren. Der Leser ist viel lieber wirklich dabei, als wenn du ihm nur erzählst was passiert ist.
Er kaute schon seit fünf Minuten auf seinem Kaugummi und starrte fasziniert auf den Sekundenzeiger der Wanduhr. Da öffnete sich die Tür des Klassenzimmers. Als sie eintrat verschlug es ihm die Sprache. Ihr goldenes Haar viel in dichten Locken auf ihre Schultern und ein spitzbübisches Lächeln spielte in den Winkeln ihrer himmelblauen Augen. “Ein Engel …” sagte er. Die ganze Klasse brach in schallendes Gelächter aus.
Besser, … oder?
6. Bleib in deiner Zeit
Der Leser soll das Gefühl haben, das gerade etwas passiert. Dafür ist es essentiell, dass du auch mit deinem Schreibstil in deiner normalen Zeit weiter schreibst. Also nicht plötzlich er “hatte Hunger gehabt” sondern weiter er “hatte Hunger”.
Die Begründung ist wieder ganz einfach und eigentlich selbst erklärend:
Als er Hunger gehabt hatte, hatte er sich etwas aus dem Kühlschrank genommen, was ihm aber nicht geschmeckt hatte.
Drei “hatte” und ein “gehabt” in einem einzigen Satz. Das lässt sich einfach nicht mehr schön lesen.
Als er Hunger hatte nahm er sich etwas aus dem Kühlschrank. Es schmeckte scheußlich.
7. Einflechten
Am Besten ist es, wenn du keine komplette Szene als Rückblende verwendest, sondern die Informationen organisch in die Geschichte integrierst. So kannst du bei der Beschreibung einer Örtlichkeit vielleicht einfließen lassen, dass das der Baum ist, unter dem Caroline ihren ersten Kuss bekommen hat (falls das für die Geschichte wichtig ist).
Vielleicht macht ein Fremder auch eine Bemerkung und dein Protagonist denkt etwas, das Aufschluss über seine Vergangeheit gibt. “Immer diese Anspielungen auf mein Gewicht. Das liegt halt in den Genen, ich war immer rundlich” Das gibt nicht nur Aufschluss darüber, dass sie ständig mit so etwas konfrontiert wird, und dass sie schon seit ihrer Kindheit dick ist, sondern sagt gleichzeitig etwas über ihren Charakter aus, und wie sie damit umgeht. Eine perfekte Mischung.
8. Im Dialog
Es können auch wichtige Fakten aus der Vergangenheit, in einer sonst sehr gegenwärtigen Unterhaltung fallen. Dabei ist aber streng darauf zu achten, dass sich die Charaktere nichts sagen was sie schon längst wissen, es sei denn dazu gibt es einen wirklich guten Grund, der sich aus der Situation ergibt. Schließlich würdest du deiner besten Freundin auch nicht willkürlich erzählen, was für einen Job du (schon seit vier Jahren) hast, weil sie das eben schon längst weiß.
9. Erzeuge Neugier für die Gegenwart
Jürgen geht in sein Büro, dort trifft er auf eine rothaarige Frau. Wenn du jetzt wüsstest, dass er damals immer von einer Rothaarigen malträtiert worden ist, dann wärst du gespannt wie er reagiert. Also baust du eine Rückblende ein.
Wie wir schon gelernt haben nimmst du eine aktive Szene aus der Vergangenheit, wie sie ihn pisackt. Jetzt musst du die Szene nur noch so auslaufen lassen, dass der Leser neugierig wird. Er muss darauf brennen wieder in die Zukunft zurück zu springen (froh sein, dass die eigentliche Geschichte dort spielt), um zu erfahren wie er die nächste, ähnliche Situation meistert. Vielleicht schwört er sich, die nächste Rothaarige einfach zu Ohrfeigen, oder ihnen für immer aus dem Weg zu gehen, … lass deiner Fantasie freien Lauf.
10. Schaffe Vertrauen
Beweise deinem Leser, dass er dir vertrauen kann. Lass aus der Rückblende irgendetwas entstehen. Zeig deinem Leser, dass etwas, das passiert, direkt aus dieser Vergangenheit folgt, die du ihm gerade vorgenudelt hast. Wenn er merkt, dass du ihm wirklich nur Dinge erzählst, die auch wichtig sind, dann wird er sich beim nächsten Mal viel bereitwilliger auf eine Rückblende einlassen (vorausgesetzt du führst ihn dabei dann nicht an der Nase herum).
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