Ideen richtig einsetzen – Konflikte finden

12 Jun

Kennst du das auch? Du hast diese supermegatolleobermonsterklasse Idee und fängst an zu schreiben, aber schon nach wenigen Seiten ist Sense. Oder du hast eine noch viel bessere (oder zumindest genauso tolle Idee), die dich gerade viel mehr kitzelt und hast-du-nicht-gesehen steckst du in fünf Geschichten gleichzeitig, aber keine wird richtig fertig und überhaupt ist alles ätzend.

Vielleicht habe ich die ultimative Lösung gefunden, um aus genau so einer verkeilten Situation geschmeidig wieder herauszukommen.

Grundideen

Mir geht es eigentlich ständig so, wie oben beschrieben. Dabei kommen meine Ideen meistens in Form von einzelnen Szenen daher. Bzw. häufig ist es sogar so, dass ich ein Buch lese, oder einen Film sehe und es gibt genau eine Szene, die ich einfach superdupermegatoll finde. Natürlich hat der Autor irgendetwas „falsch“ gemacht, bzw. wenn „das-und-das“ „so-und-so“ gewesen wäre, dann fände ich es noch viel toller. Oder wenn der Hintergrund der Geschichte ein anderer wäre oder … du verstehst, was ich meine 🙂

Beispiel:
Ich war auf der Suche nach einer schönen Liebesschnulze und hab mir den ersten Band der Chicagoland Vampire Serie (auf Englisch) gekauft. Der erste Band war wirklich spitze, erfrischend humoristisch und spannend (die Folgebände gingen so). Auf jeden Fall gab es da diese eine Szene, wo der „Obervampir“ die Protagonistin mit dem Rücken an die Wand drängt, seine Hände neben ihrem Kopf an die Wand gestützt – egal – auf jeden Fall war da dieses Knistern in der Luft, kurz vor einem Kuss, und dann … wurden sie unterbrochen – ich weiß auch nicht mehr, was es war – und ich hab nur gedacht „Mein Gott, da hätte man doch so viel draus machen können„. Auf jeden Fall wollte ich unbedingt diese Szene schreiben. Aber das reicht nicht für ein komplettes Buch, richtig?

Manchmal sind es auch ganze Charaktere, die sich plötzlich aus dem Nichts entwickeln, aus einer Begegnung in der U-Bahn, einem wirren Gedankengang oder auch aus bereits existierenden Geschichten.

Beispiel:
Wir haben die Serie Firefly geschaut (unbedingt monstermäßig [entschuldigt die vielen erfundenen Superlative in diesem Artikel, aber ich fühl‘ mich heute danach ^^;] empfehlenswert, meine absolute Lieblingsserie, die „Star Trek Next Generation“ so gut wie schlägt – was Einiges heißen will – einziges Manko, sie wurde [aus unerfindlichen Gründen] nach einer Staffel abgesetzt). Da gibt es einen Charakter „Jayne“ (gesprochen „Jane“ wie im Englischen in „Jane Doe“ schon alleine das ist soo cool 8) ). Er ist der ultimative Macho und würde für Geld alles machen, sogar seine eigene Mutter verkaufen (ganz im Ernst!) aber so herrlich direkt, dass ich nicht anders konnte, als ihn klasse zu finden. Solche Charaktere haben normalerweise einen „guten Kern„, auf den man unweigerlich irgendwann stößt, wenn man nur lange genug sucht … den hat Jayne gerade nicht. Dafür fehlt es ihm zum „echten“ Bösewicht schlicht und ergreifend an Intelligenz, was auch wiederum für einiges an Komik sorgt, aber ohne, dass er strunzdumm ist. Lange Rede kurzer Sinn, schade, dass er so wenig Zeit hatte, sich zu entwickeln. Aber nur aus ihm eine ganze Geschichte zu stricken … schwierig.

Manchmal ist es auch ein allumfassendes Konzept, das mich packt, oder eine Welt, die beschrieben werden möchte. Egal woher diese Grundideen kommen, sie haben alle eins gemeinsam: Alleine reichen sie nicht, um einen ganzen Roman zu füllen.

Ich hab mich schon einmal darüber ausgelassen, dass man Ideen sammeln soll, bevor man anfängt. Diesen Ratschlag habe ich auch immer geflissentlich befolgt, vor allem als die Grundideen immer mehr wurden. Trotzdem sitze ich jetzt schon endlos lange an ein und derselben Idee bzw. Ideenvermischung und komme nicht voran, wobei immer noch mehr Grundideen auftauchen, die verarbeitet werden wollen, aber die einfach nicht passen. Wie bitteschön bringt man (z.B.) einen Alien, einen Vampir und eine kaufsüchtige Börsenmaklerin glaubwürdig in einem historischen Roman unter? Irgendwie gar nicht.

Meine Ideen schienen unvereinbar und ich blieb mit dem Urproblem stecken: zu viele Ideen, keine einzige Geschichte.

Füllideen

Und dann bin ich einfach hingegangen und hab die Ideen abstrahiert. Ich weiß, ich weiß, das klingt unmöglich, die Szene muss ganz genau so sein, wie du sie im Kopf hast, der Charakter muss ein Mensch sein, kupferfarbene Haare haben und eine Sommersprosse auf dem linken Nasenflügel, sonst funktioniert es einfach nicht. Falsch!

Ich meine, es kann eigentlich gar nicht funktionieren, wenn man zu viele Ansprüche ans Detail stellt, denn dann kann das große Ganze sich gar nicht entfalten und die wichtigen Einzelteile zusammenfinden.

Also noch mal. Nehmen wir die Szene von oben, wo der Vampir sich an die Tussi ranschmeißt. Ich hab mich gefragt:

Was genau finde ich an der Szene so spannend?

Die Antwort war: Das „Prickelnde“ ist die Tatsache, dass er sie auf der einen Seite beißen/töten möchte, sie aber auf der anderen Seite liebt und ihr auf keinen Fall schaden möchte (mir fällt gerade auf, die Szene war eigentlich komplett anders, aber für das Beispiel tun wir jetzt mal so, als würde das stimmen ^^).

Also das wirklich Wichtige war der Konflikt, der da in diesem Charakter herumbrodelt.

Ist es wirklich wichtig, dass er ein Vampir ist?

Und ja, es hat mich einiges an Überwindung gekostet, das zuzugeben, aber es war eigentlich komplett egal, dass der Typ mit dem Konflikt ein Vampir ist. Und plötzlich öffneten sich ganze Horizonte, denn jetzt war auf einmal Platz um andere Begründungen für diesen Konflikt zu finden. Warum will/muss er sie töten? Dafür gibt es etwa zwei Trilliarden Möglichkeiten (mindestens) und wenn du dafür schon eine andere supergute Idee hast, die irgendwo in einem Notizbuch schlummert, dann ist jetzt genau der Zeitpunkt, wo du sie einsetzen und mit der Szenen-Füllidee vermischen kannst.

Was aber, wenn die Grundidee keine Szene ist? Wenn es ein Charakter ist, dann lässt er sich meistens auf einige wenige Charaktereigenschaften (ich meine keine äußerlichen Merkmale!) herunterbrechen. Nehmen wir Jayne, was ihn spannend macht, ist der Konflikt zwischen seiner absoluten Käuflichkeit und seines fehlenden Genies und plötzlich kann ich ihn in einen anderen – bereits existierenden – Charaktere integrieren.

Selbst „Welten“ lassen sich auf diese Weise meistens auf einen Konflikt herunterbrechen, der sie spannend macht. Z.B. bei Grundidee „die kleine Meerjungfrau„. Müssen die Wesen tatsächlich unter Wasser wohnen? Oder ist es eher der Konflikt, dass der eine Protagonist nicht in der Heimat des anderen Protagonisten überleben kann, der dich interessiert?

Ich hab es geschafft alle meine Ideen herunterzubrechen auf:

Charaktereigenschaft + Konflikt

Um beim Vampirbeispiel von oben zu bleiben:

Charakter/Eigenschaft: übermächtig
Konflikt: Muss töten, liebt sie aber (Selbstkontrolle)

Oder so ähnlich. Und bei Jane in etwa:

Charakter/Eigenschaft: korrupt – ohne guten Kern
Konflikt: nicht intelligent genug, um ein „cleverer Dieb/Betrüger“ zu sein

Plötzlich waren meine Ideen wesentlich flexibler und einfacher ineinander zu integrieren.

Masterideen

Jipp, es gibt Ideen, die lassen sich nicht ganz runterbrechen. Aber ich wehre mich ganz fürchterlich, bevor ich aufgebe und sage „okay, die Abstraktion klappt nicht„. Wenn es wirklich, wirklich nicht geht, dann nenne ich eine Idee eine „Masteridee“ und dann weiß ich, dass das die Idee ist, in der all die anderen Füllideen untergebracht werden müssen.

Sagen wir bei der „Unterwasserwelt“ fasziniert mich, dass Wasser durch Kiemen geatmet wird, sowie der Ablauf des alltäglichen Lebens. Dann ist das eine Masteridee. Einen Vampir hier unterzubringen wäre ziemlich – unglaubwürdig. Aber einen übermächtigen Unterwasserbewohner, der „töten muss„, das lässt sich einrichten. Jetzt muss ich nur noch eine gute Begründung finden, warum er anderen Unterwasserbewohnern die Lebensenergie absaugen will oder muss, et voilà habe ich meine erste Füllidee schon untergebracht.

Fazit

Kann man alle Masterideen mit allen Füllideen kombinieren? Sicher nicht. Aber es ist ein guter Ansatz, um gleichzeitig an einem Projekt dranzubleiben und trotzdem neue „Lieblingsideen“ unterzubringen und dich so selbst zu motivieren.

Wenn ich schreiben möchte, wenn es mich richtig in den Fingern juckt, dann ist es immer eine dieser Füllideen, die mich gerade kitzelt. Ganz einfach, weil die viel spezieller und detaillierter sind. Natürlich würde ich gerne „einen Fantasyepos“ verfassen, aber das ist so schwer zu greifen. Dagegen „die Szene mit der Protagonistin an der Wand und dem Prickeln in der Luft„, das ist etwas, was ich tatsächlich aufschreiben kann – und will 8) . Und bisher ist es genau das, was mich dazu bringt, jeden Morgen eine halbe Stunde früher aufzustehen und mich (nach Waschen, Anziehen und ähnlichen Nebensächlichkeiten) wenigstens 10 Minuten hinzusetzen, um an der kombinierten Geschichte zu arbeiten. Und das Beste ist: Es macht Spaß 8)

Ob es wirklich funktioniert, kann ich noch nicht sagen, dafür habe ich es noch nicht lange genug getestet. Ich weiß nur, dass die ersten Versuche sehr vielversprechend aussehen. Die Integration hat bisher einwandfrei funktioniert und ich bin ganz neu motiviert, meine Geschichte in Angriff zu nehmen. Ich bin jetzt sogar so vollgepfropft mit Ideen (für ein und dieselbe Geschichte), dass ich auf jeden Fall meinen Vorsatz komplett durchzuplotten einhalten möchte und auch eine vollständige Charakterentwicklung für die Hauptcharaktere durchführen muss/will/werde 😀

Diskussion

Findest du die Unterscheidung in Grundideen, Füllideen und Masterideen sinnvoll? Hast du schon mal Ideen ineinander integriert? Wie genau hast du das angestellt? Welche Probleme haben sich ergeben?

Welche positiven Effekte gab es? Wie hat dir das Ergebnis gefallen?


Ich schreibe Bücher. Möchtest du mich auf meiner Reise begleiten? Möchtest du live dabei sein und mit mir jeden Schritt des Weges teilen? Mitfiebern? Mitlernen? Mitschreiben?

2 thoughts on “Ideen richtig einsetzen – Konflikte finden

  1. Hi Jacky,
    ha! Danke! Das war genau der Tipp, den ich grad brauchen konnte. Ich bin nämlich grad an diesem Punkt angekommen – und hab gerätselt, wie das alles funktionieren soll. 😉

    Es ist auch nicht immer ein Drama, etwas loszulassen – im Grunde find ich es jetzt sehr erleichternd, dass ich sagen kann: Hey, es könnte ja auch anders sein. Du bist der Boss, und das ist Deine Welt, also… so what.

    Schon allein das Nachfragen nach Charaktereigenschaft + Konflikt bringt ne Menge.

    Dieser Tipp hat das Spielen zurück gebracht. 😉
    Danke. 🙂

    LG Gabriele

    • Hi Gabriele,
      freut mich, dass dich mein Artikel wieder ins Spiel bringen konnte 🙂
      Ganz liebe Grüße und viel Erfolg beim Konflikte finden
      Jacky

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